Entstehung des vorliegenden Konzepts / Entwicklungsschritte

Seit ca. 15 Jahren setzen wir uns an unserer Schule mit digitalen Medien auseinander. Die ersten Kontakte mit Computern waren auf das Interesse einzelner Lehrer*innen zurückzuführen. Dann folgte die landesweite Initiative „maus“ (Medien an unsere Schulen). Alle Lehrer*innen sollten an Fortbildungen teilnehmen und ihre Kompetenz entwickeln. Im Zuge dieser Maßnahme wurden die staatlichen Schulen des Landes Brandenburg mit digitalen Medien ausgestattet.

„Ausstattung“ bezieht sich bis heute auf die Hardware, also die technischen Geräte. Für die Installation und die Pflege der Geräte hatten und haben die Schulen weitgehend selbst zu sorgen. „Computer-Kabinette“ wurden eingerichtet, im gleichen Stil wie Sprachlabore oder die klassischen Unterrichtsräume– frontal ausgerichtet auf das Lehrerpult von dem aus das Geschehen gesteuert werden sollte. Alle machten zur selben Zeit das gleiche, die Anweisungen erfolgten dirigistisch.

Beispiel eines typischen Computerpools

Das Potential der neuen Geräte zur Individualisierung war noch nicht erkannt. Ob die Hardware funktionierte oder nicht, lag und liegt bis heute an der Kompetenz und dem fachlichen und zeitlichen Engagement der zufällig vorhandenen, meist männlichen, Lehrer. Es ist scharf zu kritisieren, dass die Schulen in diesem Feld weitgehend alleine gelassen wurden und bis heute keine angemessene Unterstützung durch Fachkräfte erhalten.

Jeder Schule einen „Systemadministrator“!, ist eine Forderung, die am Anfang dieses Konzepts ausgesprochen werden soll.

Schon der erste Computer-Raum unserer Schule hatte eine andere Anordnung. Die Tische standen entlang der Wand und in der Mitte war ein freier Konferenztisch, der zu gemeinsamen Besprechungen nach der individuellen Arbeit am PC dienen sollte. Als ein Lehrer diese Sitzordnung eigenmächtig in eine frontale Ausrichtung brachte, wurde bald und endgültig entschieden, dass diese Ordnung nicht zu unserem pädagogischen Raumkonzept passte. Die PCs wurden zusammen mit den Büchern in der Bibliothek platziert. Das Wissen der Welt sollte den Kindern und Jugendlichen in digitalen Medien und weiterhin auch in Büchern zugänglich sein. Ein PC Wagen mit Beamer und allen technischen Raffinessen war eine große Anschaffung, wurde jedoch nur von einem Lehrer benutzt, der die entsprechenden Fähigkeiten besaß. In der Bibliothek arbeiteten die Jugendlichen mit Computern an achteckigen Tischen, mit den Gesicht zueinander. Auch hier sorgte wieder ein Lehrer über mehrere Jahre für die technische Ausstattung und dirigierte das Gesamtgeschehen, bis sich auch diese Form überholt hatte. Der nächste große Schritt wurde mit der Flexibilisierung der Computertechnik eingeleitet. Das Aufkommen von Laptops und Tablets sorgte für die Auflösung der festen Form. Ein Laptopwagen wurde angeschafft. Jede Lerngruppe sollte einen fest installierten PC in ihrem Raum haben sowie Laptops zur flexiblen Nutzung hinzuziehen. Darüber hinaus wurden mehrere Beamer angeschafft, die bis heute im Sekretariat ausgeliehen werden.

Raumaufteilung in der Vergangenheit Computerraum an der Montessori-Schule

frühere Raumstruktur in der Bibliothek bzw. im Studierraum

Parallel zu dieser Ausstattung lief die Veränderung der Arbeitssituation für die Erwachsenen an der Schule. Sowohl im Verwaltungsbereich der Schulleitung als auch im Arbeitsbereich der Lehrer*innen gab es großen Unterstützungsbedarf. Ein Lehrerzimmer mit fünf Arbeitsplätzen ist bis heute der einzige Ort, der ständig zur individuellen Arbeit – auch im Netz – bereit steht. Die Anzahl der Plätze ist dabei weniger Anlass zu Ärger als die ständige Überlastung und technische Anfälligkeit des Systems.

Mit diesem Konzept wollen wir die nächste Zukunft der Digitalisierung an unserer Schule beschreiben. Dabei soll auch weiterhin nicht die Quantität der technischen Ausstattung unser Handeln bestimmen, sondern die gemeinsam verabredete Leitlinien zur gegenwärtigen Nutzung der digitalen und analogen Medien. Hierzu gehört auch die Verteilung der Verantwortung unter uns Erwachsenen. Nicht mehr ein Lehrer ist für das Funktionieren dieses komplexen und immer noch komplizierten Systems zuständig und mit Herrschaftswissen ausgestattet. Mittlerweile ist der allgemeine Kenntnisstand im Umgang mit digitalen Medien viel selbstverständlicher und zur vorausgesetzten allgemeinen Kompetenz auch unter Lehrer*innen geworden. In unserem Konzept der „Dörfer“ fühlen sich jeweils die Bewohner*innen eines Flures für einen Fachraum und alle Gegenstände verantwortlich. Diese Beteiligungsform wollen wir in anderer Form auch im Umgang mit digitalen Medien erreichen.

Für dieses Schuljahr haben sich aus den vier jahrgangsgemischten Teams drei Lehrer*innen für die Koordinierung dieser Aufgabe gemeldet.

Als Systemadministrator wird Mario Parade die Zusammenarbeit koordinieren.

Die Arbeit der Mediengruppen der Jahre 2014 bis 2018, die jeweils als Delegierte aus der Lehrerkonferenz am Thema neue Medien gearbeitet haben, fließt in dieses Konzept indirekt ein. Die Arbeitsergebnisse dieses Schuljahres bilden eine direkte Grundlage für dieses Medienkonzept. In den folgenden Gremiensitzungen, Elternforen und Arbeitsgruppensitzungen wurden die Ideen und das Material für dieses Konzept zusammen getragen.

  • Elternforen am 17.10 2017, (Vorträge zur Mediennutzung und Medienkonsum der Jugendlichen)
  • 31. 1.2018, (World Café und Ideensammlung zum Umgang mit Medien)
  • 21. 2.2018 (Vortrag von Uwe Buermann zur Medienkompetenz)
  • 16. 4.2018 (4. Elternkonferenz )
  • Fachkonferenzen 2016, 2017, 2018 (Barcamp und Überblick über die Medienausstattung)
  • Lehrerkonferenz 18.4.2018
  • Elternkonferenz 21.2.2018
  • Schulkonferenzen 17.10 2017 und 21.2.2018
  • Schülerratssitzungen 10.11.17, 8.12.17 und 16.3.18

Analoge und digitale Medien und Montessori-Pädagogik

Montessori-Pädagogik unterscheidet sich von anderen pädagogischen Philosophien durch ein explizites „Medien“-Verständnis. In der „Vorbereiteten Umgebung“, einem Kernstück der Montessori-Pädagogik ist die Vermittlung von Lerninhalten konsequent an ein Medium, hier das analoge Material, gebunden. In der Grundschule werden alle Lerninhalte in dreidimensionalen Materialien vergegenständlicht. Dies entspricht dem entwicklungspsychologischen Stand der Kinder von 6 bis 9 und 9 bis 12 Jahren und ihrem Bedürfnis nach haptischem und operationalem Lernen. Die „Vorbereitete Umgebung“ enthält wissenschaftlich entwickelte und altersspezifische Mittel /Materialien, die das Lern- und Interessenfeld der Altersgruppe weitgehend abdecken sollen. Sprache, Mathematik und „Science“ sind die großen Themenbereiche, die sich in den Materialien abbilden. Jedes Material trägt die Fehlerkontrolle in sich, d.h., wenn etwas nicht korrekt ausgeführt wurde, wird dies im Material sichtbar. Dies ist die Voraussetzung für das zweite Kernstück der Montessori-Pädagogik; die freie Arbeit. Jedes Kind soll die Gelegenheit erhalten in der Schule nach seinem individuellen Kenntnisstand die gerade anstehenden Fragen und Themen zu bearbeiten. Schulbücher, in denen alle zur selben Zeit die gleichen Themen bearbeiten, gibt es nicht. Für die Jugendjahre ändert sich die Vorbereitete Umgebung entsprechend den Bedürfnissen der Heranwachsenden. In der frühen Pubertät (12-14 Jahre) lernen die Jugendlichen in der Jugendschule auf dem Land und in der Natur an verantwortungsvollen Aufgaben (Agrikultur, ökonomische Kreisläufe bei Eigenproduktion, Selbstversorgung und Bewirtung von Gästen). Die Schule außerhalb der Schule stellt die Vorbereitete Umgebung dar. Im Alter von 14 bis 16 Jahren kehren die Jugendlichen mit reichen praktischen Erfahrungen in einen akademischen Schulraum zurück. Jetzt erweitern sie ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Projekten und gleichen sie mit ihrem theoretischen Wissen ab.

Wie man dieses Curriculum, das höchsten Wert auf eine Vielfalt analoger Medien und ihre individuelle Nutzung legt, mit den digitalen Medien verbinden kann, ist eine große zeitgemäße Herausforderung.

Der Begriff Medium steht jedoch für vieles und muss im Rahmen eines Curriculums immer wieder neu erarbeitet werden. Er steht für Information, Wissen, Kommunikation aber auch für die dahinterstehende Technik und Technologie. Die ursprüngliche Idee des Mediums Internet einem freien Zugang zur Information, Wissen und neue Kommunikationsformen, transformierte sich in eine neue Abhängigkeit des Benutzens ohne die dahinter liegenden Wirkmechanismen zu verstehen oder selbstbestimmt zu kontrollieren. Dazu kommt, dass die (neuen) Medien immer mit einem großen technokratischen problemlösenden Versprechen verbunden sind.

“Das Medium ist die Message” [Marshall McLuhan, 1948]

Schon fast prophetisch hat der Medientheoretiker McLuhan dieses Dabeisein und das Gefühl etwas zu verpassen, in den obigen kurzen Satz zusammengefasst. Scheinbar immer mehr Wissen und Expertise ist notwendig, um selbstbestimmt und kontrolliert digitale Medien zu nutzen und nicht nur einfach zu benutzen. Nicht nur in der Schule äußert sich dies in dem sogenannten “Digital Gap”. D.h. es gibt eine Kompetenzlücke zwischen Schülern und Lehrer*innen und auch innerhalb eines Kollegiums. Die Folge ist zumeist ein reagierendes Handeln und kein Agieren mit dem pädagogischen Rahmen als Fundament der Stärke. Im Rahmen eines Curriculums heißt das den Kern von Medien und ihrer (technologischen) Funktionsweise immer wieder neu zu erforschen und herauszuarbeiten.

Wo befinden wir uns ?

Wir befinden uns in einem sogenannten Paradigmenwechsel. Wir nutzen für unser Denken das geschriebene Wort in Form von Büchern oder ähnlich strukturierten Dokumenten. Die uns umgebenden digitalen Technologien und Medien sind jedoch anders strukturiert. Dieser Widerspruch kann helfen, einen anderen Blick auf die aktuellen technischen Umwälzungen zu werfen und ihre Funktionsweise zu erkennen.

Der Vielfalt analoger und altersspezifischer Lernräume steht ein Angebot für alle in den neuen Medien gegenüber; google, wikipedia, youtube usw. Egal ob Kind oder Erwachsener, die meisten nutzen die gleichen Suchmaschinen und sehen die gleichen Bilder. Ein altersgemäßes Angebot ist nur mit entwickeltem technischen Verständnis vorzuhalten. Viele Eltern und Lehrer*innen fühlen sich mit dieser Aufgabe überfordert. So wie mit dem Buchdruck und der zunehmenden Alphabetisierung erst die Kindheit entstand, gibt es nun die berechtigte Hypothese, dass mit den technischen Medien und ihrer bevorzugten Benutzung seit dem Fernsehen die Kindheit als privilegierter Geisteszustand wieder verschwindet. Kinder können erst ab einem gewissen Alter lesen, vor den Bildschirmen sitzen Kinder und Erwachsene jedoch gleich und sehen die gleichen Bilder. (vergl. Neil Postman, Das Verschwinden der Kindheit)

Etwas zu nutzen und daraus eine Erkenntnis über die Funktion zu erarbeiten ist ein Ansatz (digitale) Medien in den Unterricht einzubeziehen. Klassisch in dieser Hinsicht ist die “Aufgabe” etwas zu recherchieren. In der heutigen Zeit ist dieses recherchierte Wissen scheinbar “instant” verfügbar und wird zunehmend nicht mehr „erarbeitet“. Reflektiertes Wissen wird jedoch durch Erarbeiten gewonnen. Empirische Beobachtung und nachfolgende Dokumentation sind die Grundlage dafür Schlüsse zu ziehen und Beziehungen zu entdecken, diese wiederum abstrahiert in ein Modell zu packen, eine These zu entwickeln, die wiederum durch empirische Beobachtung überprüft wird. In einer digitalisierten Welt gibt es für Lehrer und Schüler dabei viel zu entdecken.

Ein zweiter eklatanter Widerspruch zu den Prinzipien unser Pädagogik besteht in der Raumordnung, die der Umgang mit analogen Materialien und digitalen Medien erzeugt.

Hier die Einzelnen, die in einen Bildschirm gucken und anderen nicht offensichtlich ist, was sie gerade sehen oder durch Klicks verändern, dort die über einen Raum verteilten Kinder oder Jugendlichen, deren verschiedene analoge Tätigkeiten mit dreidimensionalen Materialien auch für andere sichtbar sind und sie zur Kommunikation oder zum Tun anregen. Das Problem der Uneinsehbarkeit ist erst in kommunikativen kollaborativen Formen, wie z.B. Barcamps zu lösen. Dies erfordert bereits eine größere Kompetenz als sie viele Kinder, Jugendliche und auch Erwachsenen gegenwärtig haben.

Bewegungsarmut, passiver Konsum anstelle von aktiver Produktion, frühe Konfrontation mit ungeeigneten Bildern, Instant-Wissen zu Lasten einer aktiven Merkfähigkeit, rudimentäre Kommunikation und Werteverlust durch Anonymität sind Gefahren, mit denen sich jede verantwortungsvolle Pädagogik heute auseinandersetzen muss. Flexibilität, Mobilität, Zugang zum Wissen der Welt, Vernetzungsmöglichkeiten und Erweiterung des eigenen Weltbildes sind Potentiale, die es mit den neuen Medien zu nutzen gilt.

Es ist nicht verwunderlich, dass wir mit unseren pädagogischen Grundsätzen und aufgrund der alltäglichen Beobachtungen der letzten Jahre eher zögerlich und langsam mit der Einführung digitaler Medien waren. Die viel beschworene Kompetenz der sog. „digital natives“ können wir nur bei Einzelnen, nicht jedoch als grundsätzliches Phänomen der Altersgruppe beobachten. Neuere Untersuchungen machen deutlich, dass die übergroße Mehrheit der Jugendlichen nur einen geringfügigen Teil der Rechner, die ihnen heute allen zur Verfügung stehen, benutzen; WhatsApp, facebook, youtube, spotify, snapshot sind die Favoriten.