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Erklärung von Hofgeismar
 
   

Schulverbund „Blick über den Zaun“

Schule ist unsere Sache – ein Appell an die Öffentlichkeit

Erklärung von Hofgeismar (14. November 2006)

 

In dem Netzwerk „Blick über den Zaun“ sind bundesweit 54 sehr unterschiedliche Schulen aller Schularten in staatlicher wie in freier Trägerschaft zusammengeschlossen. Was uns eint, sind gemeinsame pädagogische Grundüberzeugungen. Wir haben sie aus unserem Verständnis unseres Berufs und der leitenden Erziehungsziele unserer Gesellschaft gewonnen. Wir haben sie in einem Aufruf veröffentlicht. Wir haben daraus Standards abgeleitet (www.blickueberdenzaun.de), an denen wir uns orientieren. Nun appellieren wir an die Öffentlichkeit, die bessere Schule mit uns zu erstreiten: gegen die zunehmende Entsolidarisierung unserer Gesellschaft und bildungspolitische Fehlentwicklungen.

Wir skizzieren hier eine Vision. Sie soll kein „Serienmodell“ abbilden, sondern das Grundmuster einer guten Schule. Es lässt sehr unterschiedliche Formen der Verwirklichung zu.

Die Schule ist ein Gemeinschaftswerk aller Beteiligten, die mit- und füreinander Verantwortung übernehmen: Die Schule als „Polis“. Die Pädagoginnen und Pädagogen, die Schülerinnen und Schüler, die Eltern, die Kommune mit ihren Möglichkeiten und auch außerschulische Institutionen wirken zusammen, um mit dem Anspruch „Wir dürfen kein Kind verlieren“ Ernst zu machen. Sie handeln nach dem Grundsatz: Zuerst und vor allem kommt es darauf an, dass es den Kindern und Jugendlichen in der Schule an Leib und Seele gut geht. Das beginnt mit scheinbaren „Kleinigkeiten“, die aber bald als Standards gelten: ein gutes, nahrhaftes Frühstück oder Mittagessen, ein Gesundheits- und Beratungsdienst, ein flexibler, den Bedürfnissen der Kinder angepasster Tagesrhythmus, gute Möbel, Ausstattung der Schule mit vielfachen Lerngelegenheiten, Ausstattung der Klassen und Arbeitsplätze mit handlichen, anregenden, gut geordneten Materialien, genügend Platz zum Lernen, Spielen und Bewegen.

Zum Kern der Entwicklungsarbeit wird die Neugestaltung des Unterrichts und der Lernangebote. Die Vorgabe ist: Lernen muss - auch bei aller unverzichtbaren Mühe und Anstrengung - Freude machen, mit Anschauung und Erfahrung verbunden sein, geschieht am besten in der Auseinandersetzung mit bedeutsamen Gegenständen und findet darum oft auch außerhalb der Schule statt. Bewährung und Ernstfall gehören ebenso dazu wie Belehrung und systematisches Üben. Die Schule stellt hohe Anforderung an alle Beteiligten und bietet zugleich vielfältige Unterstützung.

Die Schule ist einladend, freundlich und anregend gestaltet, ein Ort, an dem Kinder den ganzen Tag über gern und gut leben und lernen können. Niemand wird beschämt, niemand muss sich als Versager fühlen. Darum ist das Sitzenbleiben abgeschafft, der Unterricht ganz darauf ausgerichtet, der Unterschiedlichkeit der Kinder gerecht zu werden. Die Schule hat deshalb neue Formen der Leistungsbegleitung und -bewertung entwickelt: verpflichtende Beratungsgespräche, Lernvereinbarungen, Portfolios.

Die Schule arbeitet selbstständig und eigenverantwortlich; so wird ihre ganze pädagogische Kreativität freigesetzt. Die starren Jahrgangsklassen sind durch flexible Lernformen und Lerngruppen ersetzt worden: An dieser Schule ist es beispielsweise normal, dass Zwölf- und Vierzehnjährige zusammen Englisch lernen oder im Labor experimentieren können. Haupt- und Nebenfächer gibt es an dieser Schule nicht: Theater, Handwerk, Musik oder Religion gelten als ebenso wichtig wie Englisch oder Mathematik. Der Umgang mit Sprache und Literatur ist nicht auf das Fach Deutsch beschränkt, sondern Aufgabe aller Fächer. Tests werden als diagnostische Hilfsmittel genutzt.

Die Schule arbeitet eng mit einem wissenschaftlichen Institut oder anderen Experten zusammen; gemeinsam wird beraten und beschlossen, wie Lernprozesse beobachtet und evaluiert werden können. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler werden nach dem individuellen Lernfortschritt bewertet. Als Orientierungsrahmen dienen fachliche Mindeststandards, die die Stufen des Lernens abbilden und an denen sich zeigen lässt, was bereits erreicht wurde. Am Ende der Schullaufbahn wird an Beispielleistungen aus allen Bereichen nachgewiesen, was ein Schüler/eine Schülerin gelernt hat und kann. Dieses Leistungsportfolio schließt den Nachweis elementarer, von allen verlangter und erreichbarer Grundkenntnisse und Kompetenzen ein. Ein verzweigtes, früh greifendes Unterstützungssystem sorgt dafür, dass alle Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs diese Grundkenntnisse nachweisen können. Sie verlassen die Schule mit einem Zeugnis, das von den abnehmenden Einrichtungen als Anschlussnachweis zu lesen ist und eine Übersicht über das gesamte Leistungsprofil enthält.

 

Wir appellieren an alle Menschen, die in Politik, Wirtschaft, Bildungsadministration und Erziehungswissenschaft Verantwortung tragen: Die Schulen brauchen Unterstützung, um ihren Auftrag zu erfüllen.

 

  • Wir wollen eine Schule, in der junge Menschen zu lebenszuversichtlichen, verantwortlichen, politikfähigen Bürgerinnen und Bürgern unseres demokratischen Gemeinwesens heranwachsen. Auch die beste Schule kann das nur leisten, wenn alle Jugendlichen in unserer Gesellschaft eine Chance auf Arbeit und Anerkennung haben.
  • Alle Jugendlichen brauchen einen Ausbildungsplatz mit der Aussicht, später eine sinnvolle, gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit auszuüben.
  • Eine langfristige Neu- und Umverteilung aller Formen von Arbeit und ihrer Bewertung ist eine fundamentale Voraussetzung für gute Pädagogik und gute Schulen der Zukunft.
  • Wir wollen eine Schule, in der die - nach wie vor riesige - Ungleichheit der Bildungschancen so weit wie möglich abgebaut wird. Auch die beste Schule kann das nur leisten, wenn ihr Umfeld nicht zu stark belastet ist.
  • Stadtentwicklungsmaßnahmen müssen Ballungszentren und soziale Brennpunkte aufbrechen und die „Gettoisierung“ sozial schwacher Familien soweit wie möglich verhindern.
  • Alle schulorganisatorischen Maßnahmen müssen dem Ziel einer angemessenen Mischung der Zusammensetzung der Schüler verpflichtet sein. Sie muss der Einwohnerstruktur der Kommune entsprechen.
  • Wir wollen eine Schule, in der Kinder lernen, mit Unterschieden zu leben, und in der sie so angenommen werden, wie sie sind, ohne beschämt oder für ihr Anderssein „bestraft“ zu werden. Auch die beste Schule kann das nur leisten, wenn sie verpflichtet ist, mit sehr unterschiedlich zusammengesetzten Klassen produktiv umzugehen.
  • Die Frage nach der Struktur unseres gegliederten Schulwesens darf nicht länger tabu bleiben. Jede Schule hat die Verantwortung für die Kinder, die sie aufnimmt, ohne mit Selektionsmaßnahmen auf ihre Unterschiedlichkeit zu reagieren.
  • Die Maßnahmen des „Sitzenbleibens“ und der „Abstufung“ in eine andere Schulform oder der „Abschulung“ müssen verschwinden.
  • Für produktive Formen im Umgang mit Heterogenität müssen Anreize geschaffen werden (pädagogische Unterstützung, Ressourcen).
  • Wir wollen eine Schule, in der Kinder und Jugendliche alle wichtigen Bildungserfahrungen machen, alle ihre Fähigkeiten und Begabungen entwickeln können. Auch die beste Schule kann das nur leisten, wenn Bildung nicht allein auf kognitive Erträge reduziert wird.
    • Die Ungleichwertigkeit der Fächer (das Gefälle zwischen Haupt- und Nebenfächern) und die starren Fächergrenzen müssen überwunden werden. Gleichzeitig steht die Schule dafür gerade, dass am Ende der Schulzeit jeder - wirklicher jeder - Schüler seinen Fähigkeiten entsprechend ausreichend lesen, schreiben und rechnen kann. Dies ist Aufgabe aller Fächer.
    • Leistungen in allen Bereichen müssen als prinzipiell gleichwertig anerkannt werden und bei der Vergabe von Berechtigungen zählen.
  • Wir wollen eine Schule, in der Kinder und Jugendliche erfahren, dass ihr Lernen hilfreich begleitet, ihre Arbeit wertgeschätzt, ihre Leistung gesehen und gewürdigt wird. Auch die beste Schule kann das nur leisten, wenn die Rahmenbedingungen solche Individualisierung ermöglichen.
    • Die starre Jahrgangsklasse darf nicht die einzige und nicht die vorherrschende Lernformation sein.
    • Durch flexible Unterstützungssysteme (Team-Teaching, Einsatz von sozialpädagogischen Fachkräften und Ehrenamtlichen u..ä.) muss die Unterrichtssituation entzerrt werden.
    • Individualisierende Formen der Leistungsbegleitung und Leistungsbewertung müssen die normierenden Zensuren ergänzen, langfristig ersetzen.
  • Wir wollen eine Schule, die an sich selbst hohe Anforderungen stellt, sich an den eigenen Maßstäben orientiert und an ihnen ihre Arbeit selbstkritisch prüft. Auch die beste Schule kann das nur leisten, wenn Schulqualität sich an Vorgaben und Formen der Evaluation bemisst, die dem hier entworfenen Bild von Schule entsprechen.
  • Formen und Verfahren der Evaluation müssen auf das Verstehen von Prozessen des Lernens gerichtet sein und von den Schulen in Zusammenarbeit mit Partnerinstituten gemeinsam verantwortet werden: Peer-Review-Verfahren, qualitative Studien, Beratung, diagnostische Tests etc.
  • Schulen können sich und ihre Leistungen selbstbewusst präsentieren. Ein öffentliches „Ranking“ zwischen Schulen darf es jedoch nicht geben.
  • Wir wollen eine Schule, in der die Möglichkeiten eines guten Zusammenlebens von Erwachsenen und Heranwachsenden institutionell gesichert sind. Auch die beste Schule kann dies nur leisten, wenn sie über die entsprechenden Ressourcen verfügt.
  • Schule muss für die Heranwachsende und die Erwachsenen ein Ort sein, an dem alle gut leben und arbeiten können.
  • Die Erwachsenen brauchen genügend Zeit für die notwendige Zusammenarbeit untereinander und die Zuwendung zu den Kindern und Jugendlichen.

 

Wir appellieren an alle Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, an alle in der Jugend- und Sozialarbeit Tätigen, an alle Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung für Kinder und Jugendliche tragen:

 

Prüfen Sie unsere Maßstäbe für eine gute Schule. Wenn Sie mit ihnen übereinstimmen, fordern Sie sie ein. Helfen Sie mit, für die Ihnen und uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen eine Schule zu ermöglichen und zu gestalten, die diesen Maßstäben entspricht.

 

Aus eigener Kraft können Schulen diese Ziele nicht verwirklichen. Sie brau- chen die Unterstützung der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Administration, der Medien, der gesamten Öffentlichkeit. Im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen müssen wir zu einem tragfähigen Konsens kommen, der der Entwicklung unserer Schulen die Richtung weist und der von dem Bewusstsein getragen ist: Schule ist unsere Sache.

 

 

   Auf einer gemeinsamen Tagung des Schulverbunds „Blick über den Zaun“ in der Evangelischen Akademie Hofgeismar, die von der Robert Bosch Stiftung gefördert wurde, haben am 14.11.2006 über 100 Schulleiter/innen und Lehrer/innen diese Erklärung einstimmig verabschiedet. Sie sind im Folgenden namentlich aufgeführt.

 

Ahlring, I. und Reinbacher-Kaulen, B./Helene-Lange-Schule Wiesbaden

Albrecht, A. und Kliche, M./Offene Schule Kassel Waldau

Alferding-Kühn, A. und Rögler, P./Freiherr-vom-Stein-Schule Neckarsteinach

Arlt, J. und Buschmann, R./IGS Flensburg

Bächtold, F. und Dembinski, V./Ecole d´Humanité CH-Goldern

Balzer, H. und Morawietz, M./Freie Schule Rügen

Becker, M. und Flesch, H-M./Bugenhagen-Schulen Hamburg

Behrens, A./IGS Franzsches Feld Braunschweig

Beyer, K./Offene Ganztagsschule „Franz von Assisi“ Ilmenau

Bier, H-G./Schule Birklehof Hinterzarten

Bohnert, S. und Waltenberg, B./Reformschule Kassel

Brügelmann, Hans/Universität Siegen

Brugger, J. und Rooschüz, St./Pestalozzi-Schule Friedrichshafen

Butt, H. und Heusler, M./Gesamtschule Winterhude Hamburg

Dahmani, E. und Lorenzen-Lemke, J./Grundschule Klixbüll

Ditzel, C. und Wrede, B./Lobdeburgschule Jena

Enders, K./Landschlheim am Solling Holzminden

Fiedler, A./Clara-Grunwald-Schule Hamburg

Franz, G-U. und Nolte, N./IGS Kastellstraße Wiesbaden

Gawert, M./Peter-Petersen-Schule Am Rosenmaar Köln

Geist, S. und Thurn, S./Laborschule Bielefeld

Ginter, H. und John, G./Jenaplan-Schule Jena

Gottschlich, Th. und Isbruch-Thiel, K./Grundschule Adenbüttel

Groeben, A.v.d./Initiative „Blick über den Zaun“ Bielefeld

Groninga, M. und v.Orlikowski, K-D./Landschulheim Grovesmühle Veckenstedt

Großpietsch, J. und Hanika, A./Heinrich-von-Stephan-Oberschule Berlin

Hagener, T. und Riekmann, B./Max-Brauer-Schule Hamburg

Harder, W./Initiative „Blick über den Zaun“ Stuttgart

Heidrich, Ch. und Risse, E./Elsa-Brändström-Gymnasium Oberhausen

Herchenbach, U. und Schöll, G./Bodensee-Schule St.Martin Friedrichshafen

Hinz, Alfred/Initiative “Blick über den Zaun“ Friedrichshafen

Hofmann, A. und Meißner, St./St.Meinrad-Gymnasium Rottenburg

Högner, C. und Kreutz, U./Gesamtschule Holweide Köln

Imlau, H./Urspringschule Schelklingen

Jordan, R. und Weimar, H./Werner-Stephan-Oberschule Berlin

Jud, P-G./Französische Schule Tübingen

Kaiser, Ingrid/Initiative „Blick über den Zaun“ Frankfurt a.M.

Kegler, U. und Reimann, Ch./Montessori-Oberschule Potsdam

Kleemann, N./Montessori-Schule Greifswald

Knies, A. und Stolzenberg, J./Anne-Frank-Schule Bargteheide

Kölling, M. und Schiffer, M./Schule Schloss Salem

Koltzsch, U. und Sterling, W./Odenwaldschule Ober-Hambach

Kroeger, H. und Stockey, A./Oberstufen-Kolleg Bielefeld

Langer, C./Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde

Lenssen, F./Landheim Schondorf

Lippert, H. und Zeitlinger-Brückmann, G./Freie Montessorischule Landau

Luck, S./ImPULS-Schule Schmiedefeld

Lüthi, Armin/Initiative „Blick über den Zaun“ CH-Goldern

Meisterjahn-Knebel, G. und Sieber, M./Gymnasium Schloss Hagerhof Bad Honnef

Nachtwey, O. und Uster, W./IGS List Hannover

Nüssler, K. und Rasfeld, M./Gesamtschule Holsterhausen Essen

Oehlmann, R. und Wiedemann, K./IGS Braunschweig-Querum  

Reinhardt, B. und Valach, E./Grundschule Obervorchütz

Seydel, O./Hermann-Lietz-Schule

Skladny, B. und Tetzlaff, C./Ev.Schulzentrum Martinschule Greifswald

Spengler, U. und Winden, H-W./Maria-Montessori-Gesamtschule Krefeld

Stahlbock, J./Grundschule Betzendorf

Vogell, U./Montessori-Schule Hofheim

Wienbeck, S./Landschulheim Steinmühle Marburg

Wilkening, St. und Vogelsaenger, W./IGS Götingen-Geismar