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Reinhard Kahl - Warum Schulen gelingen

 
   

Erst mal: Die Montessori Gesamtschule in Potsdam gehört zu den gelungensten Schulen, die ich kenne. Ich habe das im Sommer 2003 in der ZEIT beschrieben und so, wie es in der Überschrift steht, ist es auch gemeint: „Eine Schule zum Verlieben.“ Seitdem treibt mich diese Frage nach dem Gelingen weiter um, denn kritisiert, was alles übel ist, (und davon gibt es genug, zumal an unseren Schulen), das haben wir nun ja auch genug, in mancher Hinsicht.

Was also sind Voraussetzungen fürs Gelingen?

Ich habe jetzt ein Jahr dafür in Schulen recherchiert und gefilmt und dann Monate im Schneideraum gesessen*. Das Ergebnis: Es sind immer Geschichten. Die gelungenen Schulen haben immer eine Geschichte. In ihnen wirken Personen, die selbst ein Geschichte haben. Funktionäre, bloße Manager und erst recht diese artig, grimmigen Bürokaten machen keine guten Schulen. Sie machen höchstens ihren Leuten schlechtes Gewissen. Sie halten zumeist das Funktionieren einigermaßen aufrecht. Und wenn die Zügel der Außensteuerung nicht mehr greifen, dann gehen die Pferde durch, dann herrscht Verwahrlosung. Das erkennt man immer daran, dass im Lehrerzimmer zuerst über die falschen Schüler geklagt wird, der soziale Brennpunkt habe Schuld oder aber zu viel Wohlstand oder das Fernsehen oder die Schulleitung oder der Lehrplan – und überhaupt, die Regierung? Man kann halt nichts machen. So oder so ähnlich klingt es aus schlechten Schulen. Hundert Varianten von Nicht-Ich. Ewiges Schwarzer-Peter-Spiel.

An guten Schulen, wird man aufmerksam gemacht: Gucken Sie doch mal hier, sind die nicht toll, fragt man und zeigt, wie die Schüler ihre Lehrer wieder mal mit etwas Unerwartetem überrascht haben. Daran erkennt man im Nu, wo es einen hin verschlagen hat.

Der Unterschied zwischen Schulen, die gelingen und anderen, in denen Grundlegendes nicht stimmt, lässt sich mit einem einfachen Test bestimmen. Wie wird der Satz betont, der ganz neutral ausgesprochen heißt: „Auf Euch haben wir gewartet.“ Klingt er freudig, „Hey, kommt her...“ Oder grollt es misanthropisch: „Auf Euch haben wir gerade noch gewartet.“ Letzteres kommt uns sehr bekannt vor. Gewiss, auch wir haben Schulen, in denen die nächste Generation willkommen ist, und in denen jeder anders sein darf. Auch bei uns gibt es Unterricht, der Differenz nicht als Abweichung bekämpft, sondern als Reichtum nutzt. Aber man muss zugeben, der Normalfall ist das nicht. Langsam dämmert uns allerdings der Zusammenhang zwischen der schlechten Stimmung und der miesen Leistung. Von der Schule bis zur Hochschule sind Spitzenleistungen schwach. Die „Risikogruppe“ unter den Schülern ist stark. Bei den Studienabbrechern sind wir Weltspitze und bei den Studienanfängern fast Schlusslicht.

Nach Timms, Pisa & Co. hat es der politische und wissenschaftliche Bildungsdiskurs immerhin auf den kleinen gemeinsamen Nenner gebracht: Alle geben Schwierigkeiten im Umgang mit „Heterogenität“ zu. Der Eigensinn und das Eigene, alles was sie unterschiedet wird eher misstrauisch beäugt. Aber das ist das Wertvollste der Person und sein Leistungszentrum. Diese Einsicht dämmert nun langsam. Unterschiede steigern Individualität und daraus entsteht ein Sog nach Zusammenarbeit. Die Wertschätzung der Verschiedenen erhöht jene „Vorfreude von Menschen auf sich selbst“, mit der Peter Sloterdijk Lernen definiert.

Der neue Blick auf Heterogenität muss die Aufmerksamkeit auf die Pseudodifferenzierung im fünfgliedrigen System - bitte die Sonderschulen nicht vergessen - richten! Und die meisten unserer Gesamtschulen, pardon, sind ein Bastard eigner Art. Anders als in den Sonntagsreden der Konservativen behauptet, erhöht das „gegliederte System“ nicht die Vielfalt. Es eröffnet nicht das große Spiel Unterschiede auszudifferenzieren, ja zu kultivieren, sondern es bedroht die Teilnehmer, die Risiken zu scheitern wagen – sonst wäre sie keine Teilnehmer, mit Ausschluss. Das gegliederte System ist der Institution gewordene Glaube an Perfektion und Homogenität. Seine Lebenslüge ist, jeder Schüler komme auf die für ihn richtige Schule, abgesehen von schnellstens zu korrigierenden Fehlentscheidungen.

Nur wer an das Heil des Prokrustesbettes glaubt, kann es als einen Vorteil empfinden, mehre Größen davon anzubieten. Besser wäre es, sich von der Methode dieses Wirtes aus der Antike, der die Körper seiner Gäste, damit sie passen, beschnitt oder dehnte, zu verabschieden. Selbst wenn die Verteilung der Schüler in homogene Kohorten erstrebenswert wäre, sie klappt nicht. Man kann sich auf den Kopf stellen und wie in NRW verschiedene Typen von 10. Hauptschulklassen einrichten, die homogenisierende Schulzentrifuge läuft nicht rund. Wenn sich diese Erkenntnisse herumsprechen, könnte die auf die Gesamtschule projizierte Angst vor der Zwangskollektivierung in pädagogische LPGs endlich an den Absender zurück geschickt werden: an unser Prokrustessystem.

Also wie schafft man diese „Heterogenität“, wie wird der Vorteil verschieden zu sein anerkannt und nicht als Abweichung misstrauisch beäugt? Wie bekommt eine Schule ihre eigene Geschichte?

Ein Beispiel. Eine der Potsdamer Schule sehr verwandte Schule mit einer Schulleiterin, inzwischen ist sie pensioniert, die auch mit der Schulleiterin Ulrike Kegler manches gemeinsam hat, zum Beispiel das Eigenwillige. Ich meine die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden und Enja Riegel. Sich diese Schule anzusehen, ist vielleicht ein Spiegel, in dem man Ähnliches und Fremdes sieht.

Erzählen wir kurz die Geschichte wie Frau Glücklich eine Schule revolutioniert

An ihrem ersten Tag als Direktorin der Helene-Lange-Schule sah Enja Riegel schwarz. Das Kollegium trug Trauerkleidung. Ausnahmslos. Die Riegel sollte es nicht werden! Solchen Protest hatte es in einer Schule noch nicht gegeben.

Fast 20 Jahre später bedankte sich das Kollegium der Wiesbadener Schule zur Pensionierung ihrer Schulleiterin mit einem Fest, das eine deutsche Schule noch nicht erlebt hat. Die Lehrer hatten einen Zirkus mit Zelt und abendfüllendem Programm vorbereitet. Denn der Lebenstraum der Schulleiterin war die Manege. Ein Schatten allerdings lag über dem Zelt beim großen Abschiedsfest im Februar 2003. Bei ihrer Rede erlitt Enja Riegel einen Herzinfarkt, den sie erst nicht wahrhaben wollte. War das die Quittung? War ihr Einsatz, der diese Schule gegen tausend Zweifel und Widerstände an die Spitze gebracht hatte, nicht doch zu hoch? Kann so eine Schulleiterin Vorbild sein? Und ist die Helene-Lange-Schule nicht doch nur ein Extremfall, der die deutsche Regel bestätigt? Oder muss man sich nicht endlich von dem Gedanken lösen, dass es das eine richtige Modell für die gute Schule gibt?

Die Helene-Lange-Schule ist das beste Bespiel für die Befreiung von diesem Glauben an den einen Weg. Gleich einem Individuum hat sich diese Schule zu ihrer Biografie durchgerungen. Sie macht ihre eigene Geschichte, ausgehend von Bedingungen, die sie sich nicht hat aussuchen können. Das ist ein Modell ganz anderer Art. Den Anstoß gab Enja Riegel. Sie hat die Abkehr vom Leben im fremden Auftrag vorgelebt. Das beflügelt. Nun, ein Jahr nach ihrer Pensionierung, gründet die einmal als rote Enja Verschriene in den Treibhäusern einer geschlossenen Gartenversuchsanstalt des Landes Hessen eine Privatschule, die alles noch übertreffen soll. Die eigenwillige, die schon mal Kultusministerin einer SPD Regierung werden sollte, trägt für die staatlichen Schulen in der CDU regierten hessischen Landeshauptstadt mit ihrem „Reformschulmodell“ zum bildungspolitischen Frieden bei. Sogar ins ferne Afghanistan wird sie eine deutsche Reformschule exportieren.

In der Tat, die Pisa Werte der Hela, wie man sie nennt, die Ende der 80er Jahre vom Gymnasium zu einer Gesamtschule konvertierte, machten Schlagzeilen. Die Punktzahl liegt über denen der Leseweltmeister in Finnland und der Mathematikchampions aus Asien. Gemessen am sogenannten Erwartungswert, der unter anderem aus der sozialen Herkunft der Schüler errechnet wird holen die Schüler bis zur 9. Klasse etwa ein Jahr Vorsprung heraus. Dabei hatte die Schule die kognitiven Leistungen der Schüler zwar immer im Auge, sah sie aber nur als Effekte, die gar nicht zu vermeiden sind, wenn die Schule eine gute Atmosphäre schafft und aus dem Schulhaus die allgemeine Untermieterstimmung vertrieben wird: wir müssen halt machen, was im Lehrplan steht, da kann man nichts machen... Nein, man kann viel machen, und zwar sofort, wenn auch nicht alles auf einmal. Dafür steht Enja Riegel.

Als sie noch Enja Glücklich hieß, war sie bereits Schülerin dieser Schule, in der einst das erste Mädchen in Deutschland Abitur gemacht hatte. Der hochbegabten Enja, die in der Grundschule eine Klasse übersprang, wurde zu Hause der nachzuholende Stoff eingeprügelt. Auch sonst war da manches so furchtbar, dass man es gar nicht erzählen mag. Aber so unglücklich es zu Hause zuging, so sehr sonnte sich Enja, neben ihrem Großvater, einem erfolgreichen Geschäftsmann, wenn sie neben ihm auf der Wilhelmstraße in Wiesbaden flanierte. Dann gehörte ihr beinahe die Welt. Von ihm erbte Enja Glücklich die Zuversicht, dass gelungenes Leben das bedrohte retten kann. Die Schule gehörte zu dieser besseren Welt, ein Gegenstück zum zu Hause erlebten Unglück. Sie hatte mitbekommen, was zu ihrer Maxim wurde: Menschen brauchen einen Ort, an dem sie willkommen sind und wo man an sie glaubt.

Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik begann sie 1969 das Referendariat an ihrer alten Schule und blieb der Helene-Lange-Schule noch als junge Lehrerin. Aber der Blick ins Lehrerzimmer war desillusionierend. Die routinierte Schulmaschine drehte sich um den Stundenplan und die Fächer. Die wurden unterrichtet, weniger die Schüler. Der Vormittag wurde im 45 Minuten Takt zerhackt. Aus der neuen Perspektive wirkte die Schule muffig und gar nicht mehr vielversprechend. Ein Ort für Kinder und Jugendliche war ihre schöne Hela nicht. Aber die Vision blieb, dass eine Schule so sein müsse, wie Enja, die inzwischen Riegel hieß, sie in Erinnerung hatte.

Es war die Zeit des Protestes und die Riegel ließ nichts aus. Weder antikapitalistische Texte im Deutschunterricht noch die Polemik gegen die Sekundärtugenden aus denen ein Gymnasiums zu bestehen schien. Als die junge Mutter mit ihrem antiautoritären Kinderladen einen längst entwidmeten Friedhof besetzt und zum Abenteuerspielplatz erklärt hatte, war sie bald stadtbekannt. Immerhin, aus dem alten Friedhof wurde ein Spielpark und das ist er heute noch. Aber Anfang der 70er Jahre wurden Schauergeschichten erzählt. Die rote Enja zünde mit Kindern auf dem Friedhof Bäume an und schände Gräber. Stimmte nicht, aber passte ins Bild. Tatsächlich hielt der Kinderladen für sie eine ganz andere Lektion bereit. Sie erlebte, dass der antiautoritäre Aufbruch nicht unbedingt zu mehr Freiheit führt. Im Kinderladen drängte sich ihr die Entdeckung auf, dass Kinder verlässliche Beziehungen zu Erwachsenen brauchen. Sie hungerten geradezu nach Regeln und Ritualen. Es reichte nicht einzureißen. Das würde nur zu Verwahrlosung führen. Die Rebellin wurde nachdenklich. Eine Dogmatikerin, die sich in Ideen verliebt, war sie nie. Sahen in ihr die einen noch jahrlang die rote Enja, erschien sie anderen schon als Pragmatikern, die nicht mit an den radikalen Rand wollte, sondern ins Zentrum, von wo sie etwas bewirken kann. Nach ihren Wanderjahren durch verschiedene Schulformen, die sie bis zur Grundschule führte, in der sie von den Kindern lernte, was Pädagogik ist, passierte, was nun endgültig nach dem Skript eines Märchens klingt. Die Stelle des Direktors an der Helene-Lange-Schule wurde im Amtsblatt ausgeschrieben.

Enja Riegel kann nicht anders, als diese Anzeige als eine an sie gerichtete Aufforderung zu verstehen. Damit steht sie ziemlich allein. Aber sie kommt auf die Liste. Der Kultusminister hört Interessantes über die Bewerberin und lädt sie mit ihrem Mitbewerber zum Gespräch. Frau Riegel kauft gediegene Damenoberbekleidung, die der Jeansträgerin bisher fehlte. Sie befolgt den Rat, sich unbedingt vom Minister aus dem Mantel helfen lassen. Nach dem Gespräch entscheidet er sich und ruft seinen Freund, den Wiesbadener Schuldezernenten an. „Franz, nimmst Du sie?“ Der willigt widerwillig ein. Personalräte hielten den Dienstantritt noch ein Jahr auf und ein weiteres Jahr herrschte eisiges Schweigen im Kollegium. Aber dann ging es los.

Wände wurde eingerissen. Auf jeden fünften Klassenraum wurde verzichtet, und dafür Schülertreffs geschaffen. Diese Zwischenräume sind Programm. Dort arbeiten Schüler selbständig. Dort werden die Ergebnisse ihre Projekte ausgestellt. Eltern werden eingeladen sie zu betrachten. Einen Schülertreff gibt es jeweils für einen Jahrgang. Es entstanden Marktplätze der kleinen Schulen in der großen. Jeden Jahrgang unterrichtet ein Lehrerteam. Zugehörigkeit hatte Enja Riegel als den Grundstoff allen Lernens entdeckt. In anderen Schulen hatte sie beobachtet, was dabei raus kommt, wenn Lehrer beim Zensurengeben ihre Schüler auf Fotos sortieren, um sie nicht zu verwechseln. Lehrer im Jahrgangsteam müssen auch fachfremd unterrichten. Das stellte sich für die Schüler bald als Vorteil heraus, erfordert aber die Zusammenarbeit der Pädagogen. Schritt für Schritt wurden in der Hela eigene Curricula erarbeitet. Ständig wird überprüft, ob man auch erreicht, was man sich vornimmt. Bald fand man es unmöglich, im Unterricht Selbstverantwortung zu predigen und mittags die zuweilen verwahrlosten Räume türkischen Puttfrauen zu überlassen. Also entschlossen sich zunächst die Lehrer eines Jahrgangsteams Staubsauger anzuschaffen, und hielten die Schüler an, selbst zu putzen. Bald hatte die ganze Schule den Übergang vom geputzten zum selbst putzenden System hinter sich. Das musste gegen die Stadtverwaltung, gegen die ÖTV und gegen diverse Putzfirmen durchgekämpft werden. Inzwischen nimmt die Schule fürs Putzen 25 000 € im Jahr ein. Mit dem Geld wird ein professioneller Theaterregisseur engagiert. Der spielt mit Schülern wochenlang Theater, zum Schluss der Session fällt aller Unterricht dafür aus. Die Schulleiterin hat sich wieder mal durchgesetzt. Sie sagt: „Wer viel Theater spielt, wird gut in Mathematik.“ So lernt die Schule über Bande zu spielen und erfährt alltäglich, dass Lernen ein indirekter Vorgang ist. Eine Sache, einmal richtig und mutig angegangen zieht anderes nach sich. Inzwischen finanzieren sich die Theateraufführungen über den Eintritt der Aufführungen. So wird das Lernen, ja das Leben als folgenreiche Tätigkeit erlebt. Die eigene Wirksamkeit macht Freude, wenn sie zuweilen auch anstrengend ist. Aber jeder Schüler an der Hela weiß, Anstrengung macht viel mehr Spaß als Langeweile.

Durfte die Schule denn das alles? Wenn Eltern und Lehrer der Schulleiterin diese Frage stellten, bekamen sie immer zur Antwort: „Ja, selbstverständlich.“ Denn Lehrpläne seien richtungsweisend, nicht als kleinliche Vorschriften zu verstehen. Und die Schulleitung übernehme die Verantwortung, dass die Anforderungen alles in allem eingehalten werden. Das war nicht nur so ein Wort. Nachfrage nach den Ergebnissen eines Projektes mussten sich Lehrer von nun an gefallen lassen. Nach außen übernimmt die Schulleitung den Schutz, und nach innen repräsentiert sie selbst ein Außen, eine Instanz die nachfragt und Rechenschaft verlangt. Die Schulbehörden sahen das zunächst anders. Ein Bespiel wie tief das Misstrauen steckt. Aber sie wurden Jahr für Jahr mehr von den Erfolgen dieser selbständigen Schule überzeugt, in der nicht, wie manch einer fürchtete, jeder macht, was er will, im Sinne von Laissez-faire, sondern in der immer mehr Schüler und Lehrer tatsächlich etwas wollen: so gut wie möglich sein und sich nicht beschummeln.

Die neuen Arbeitsweisen der Schule wurden den Behörden, den Eltern oder auch der Öffentlichkeit gegenüber nie verheimlicht. Allerdings, so ein inzwischen häufig zitiertes Bonmot von Enja Riegel: „Wir fragen Schulrat Moos bei vielen Dingen, die wir anders machen wollen. Aber es gibt Dinge, da schonen wir ihn, denn die müsste er verbieten.“ Das wurde von Enja Riegel im Fernsehen gesagt. Heimlichkeiten wären etwas anderes.

Die Leitung gibt der Schule so viel Sicherheit, dass sie sich die Lehrer ruhig in Unsicherheiten begeben kann. Das hat nichts mit Führung als Herrschaft zu tun. Eher mit Macht, wie man sie auf englisch buchstabiert: Power. Macht kommt von Mögen, meinte die Philosophin Hannah Arendt, ja Macht entstünde, wenn sich Menschen zum Leben und zur Gestaltung ihrer Verhältnisse verabredeten. Genau das geschieht an der Helene-Lange-Schule. An die Lehrerteams wurde in der Helene-Lange-Schule viel Macht abgegeben. Aber was heißt abgegeben? Die Zusammenarbeit der Lehrer in Teams verschaffte ihnen die häufig völlig neue Erfahrung, wie beglückend Resonanz ist und wie kräftezehrend die Vereinzelung. Die Teams erwiesen sich als regelrechte Labore die Macht für alle zu vermehren und um Macht und Einfluss nicht wie um ein knappes Gut zu kämpfen.

Natürlich gab es auch an dieser Schule, vor allem bei Eltern den Zweifel, ob man so denn auch was fürs Leben lernt. Die gute Ernte wurde nicht nur von Pisa bestätigt. Zuvor schon, bei der internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie Timss schnitt die Schule bestens ab. Eine Studie der Uni Erfurt bescheinigt ehemaligen Schülern Selbstständigkeit und Kooperation. Seit Jahren evaluiert die Schule selbst den Weg der Schüler nach der 10.Klasse. In der gymnasialen Oberstufe, auf die viele wechseln, stiegen die Leistungen der Schüler im Schnitt um 2,1 Punkte.

Enja Riegel, die im vergangen Jahr aufgeschrieben hat, wie sich diese Schule seit fast 20 Jahre neue erfindet, fängt nun selbst noch mal neu an. Sie gründet eine freie Schule, in der das Unterrichten noch mehr vom Aufrichten abgelöst werden soll. Denn bei aller List im Umgang mit Behörden, erwartet sie von der Freiheit, vor der sie sich nie fürchtete, nicht nur glücklich zu sein, sondern auch exzellente Leistungen. Was die Deutschen seit Jahren in Skandinavien entdecken, zeigt sich ach hier: Anerkennung, Vertrauen und Freude sind die stärksten Produktivkräfte. Und dieser Lektion überzeugt inzwischen in Wiesbaden auch die CDU. Als Enja Riegel dem Bürgermeister ausgiebig das Konzept einer Gesamtschule erläuterte, in der Schüler nicht mehr wie Hühnereier in die Kategorien A, B und C eingeteilt und damit neurotisiert werden, nickte er, aber verlangte, „das darf nicht Gesamtschule heißen!“ Nun werden in Wiesbaden zwei Schulen zu „Reformschulen“ umgewandelt.

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* Der Film „Treibhäuser der Zukunft – Wie in Deutschland Schulen gelingen“ 115 Minuten, wird als VHS und als DVD mit vielen Exkursen im Rahmen des „ARCHIV DER ZUKUFT“ von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung vertrieben. Näheres auf der Homepage von Reinhard Kahl:
www.reinhardkahl.de