Es ist ein stürmischer Tag, an dem wir mit 5 Kanadiern versuchen, den See zu überqueren. Wir sind auf der Abschlusstour, ein neues Kanu wurde im gerade auslaufenden Schuljahr gebaut und muß sich auf dem Wasser bewähren. Die Gruppe ist ungewöhnlich gemischt, drei Jungen aus der Jahrgangsstufe 5 und die anderen sechs haben gerade ihre Abschlussprüfungen hinter sich gebracht. Ich bin, im Gegensatz zu den vergangenen Touren, der einzige erwachsene Begleiter. Alle, die hier mitfahren, haben das Angebot „Kanubau“ wahrgenommen, dieser Wochenendausflug in die Mecklenburger Seenplatte soll der Höhepunkt des Projektes sein.
Der windgeschützte Kanal ist noch einige hundert Meter entfernt, der starke Wind auf dem offenen See bläst uns entgegen. Das Boot mit zwei von den Jüngeren wird immer wieder abgetrieben, während die anderen es schon fast geschafft haben. Plötzlich wirft einer der beiden sein Paddel hin und schreit seine Wut heraus, ist völlig verzweifelt und brüllt, dass er nach Hause möchte. Aber dann schaffen sie es. Und ich bereite mich gedanklich darauf vor, wie ich ihn wieder aufbauen kann. Die anderen haben diese Situation auch bemerkt. Kaum sind wir bei ihnen angekommen, gibt es aufmunternde Worte: „Das habt ihr echt toll gemacht, das war total schwer“ und „Wollen wir mal tauschen, möchtest du hier mitfahren?“. Alles, was danach kommt, ist kein Problem mehr. Hier habe ich gemerkt, dass ich einfach nur Teil der Gruppe bin. Ich bin beeindruckt.
Beim Öffnen der Tür zum Werkenraum am Ende des Flures erwartet die Besucher das übliche Bild einer typischen Schülerwerkstatt – Werkbänke, einige Maschinen, Schraubstöcke, Holzspäne und viele angefangene Projekte in den Regalen. Und immer ist auch ein Kanu zu sehen, das gerade entsteht.
Seit 2003 bauen Schüler mit meiner Hilfe Holzkanadier. Es gibt das Nachmittagsangebot „Kanubau“ im Ganztagsschulbereich, außerdem eröffnet sich im Arbeitslehreunterricht hin und wieder die Möglichkeit für Schüler, am Boot mitzuarbeiten. So gibt es für viele die Möglichkeit, am Bau teilzuhaben.
Zu Beginn hilft eine kompakte Holzform beim Dampfbiegen der Spanten, mit Messingnägeln werden auf diese dünne Planken befestigt. Auf diese Art und Weise haben weiße Bootsbauer schon vor 150 Jahren in Nordamerika begonnen, die Bauweise der indianischen Birkenrindenkanus zu verändern. Der fertige Holzrumpf wird von der Form genommen und nach der endgültigen Fertigstellung mit einer robusten Baumwollleinwand bespannt, die imprägniert wird. Nun ist der Kanadier wasserdicht. Der Einbau der Sitze und Querhölzer vervollständigt unser Werk. Damit ist der eine wichtige Teil des Projektes geschafft. Natürlich müssen die Boote nun ihrer Bestimmung zugeführt werden.
„Wie viele passen da rein“ ist die beliebteste Frage, die ich oft höre. „Vielleicht sechs“ könnte ich da antworten. Aber die Frage stellt sich mir nicht. Um wirkliche Fertigkeiten beim Paddeln zu entwickeln, um zu verstehen, wie sich das Boot bei Wind, Strömung oder gut verteiltem Gepäck verhält, dürfen eigentlich nur zwei Personen das Kanu paddeln. Mit Hilfe von wenigen Hinweisen lernten Schüler auf unseren Wochenendausflügen ziemlich bald, das Boot zu steuern. Und je länger man paddelt, umso besser funktioniert es. Wichtig ist, unterwegs zu sein, sich darauf einzulassen und das Ganze als Herausforderung zu sehen. Irgendwann macht man intuitiv den richtigen Paddelschlag und hat große Freude daran, das Kanu steuern zu können. Diese Erlebnisse sind sehr wichtig, dann ist der wichtigste Teil dieses Projektes erreicht. Und spätestens dann werden die Schüler den praktischen Wert ihres selbst gebauten Bootes spüren.
Unsere Touren werden sicher immer länger, und schon bald werden hoffentlich Klassenfahrten mit unseren Kanadiern stattfinden. Bis dahin ist es nicht mehr weit, die Flotte wächst!
André Rießler |




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